2011 Ägyptische Plagen

Morgen soll der Prozess gegen Hosni „Faro“ Mubarak beginnen, angeklagt u.a. wegen Korruption, Amtsmissbrauch und dergleichen. Schön und gut. In deutschen und europäischen Medien, die jahrzehntelang weggeschaut haben, wird das wohlwollend zur Kenntnis genommen, so als würde man ihnen einen Gefallen tun. Tut man vielleicht auch, nur welchen?

Als der US-Präsident noch George W. Bush hieß und dieser überfällig demokratische Reformen in Ägypten anmahnte, meinte die Kommentatoren, dass das mal wieder typisch sei für die Kurzsichtigkeit des ungeliebten Dabbelju. Wie kommt er auf solche Ideen? Araber und Demokratie? Geht doch gar nicht. Entspricht nicht der Stammestradition und ist letztlich unvereinbar mit dem Stolz der Clans und so weiter. Es könne nun mal nicht die ganze Welt nach amerikanischen Wunschvorstellungen gedeihen. Nach Obamas Rede als Präsident in Kairo klang das schon wieder ganz anders. Wichtige Signale habe er gegeben, die Hand zur Versöhnung gereicht, Anreize gegeben. Als dann im Winter 2010/11 dann doch „die Araber“ Interesse an Demokratie bekundete, auch in Ägypten, dann sprach man vom „arabischen Frühling“ in Anspielung auf den „Prager Frühling“, wohl vergessend, dass dieser Monate später vom Militär geschluckt wurde.

Nun haben die Ägypter seit einem Monat ihren „ersten demokratisch gewählten Präsidenten“ von der Moslembruderschaft, der Urmutter der islamistischen Terror-Bewegung. Der deutsche Außenminister Westerwelle warb als einer der ersten im Westen und mit am lautesten dafür, „al Ich-Wahn al muslimum(الإخوان المسلمون) das nötige (?) Vertrauen auszusprechen, die Hand zur Versöhnung zu reichen. SO als ob Westerwelle Obamas Cairoer Rede hörte und sich angesprochen fühlte. So als ob die Muslimbrüder etwa nur ansatzweise duldend gegenüber Schwulen wären.

Mubarak als Diktator anzuklagen mag man „den“ Ägyptern gönnen oder nicht. Nur wie war das als in Konflikten zwischen Israel und den Palästinensern Mubarak wiederholt Positionen der Palästinenser ergriff und die israelische Regierung verbal angriff? Wer sagte da, dass dieser Mubarak ein Diktator sei, im Monat mehr Islamisten tötet als Israel in zwei Jahren? Richtig, keiner von denen, die jetzt ihre Hälse wenden und den bösen Diktator entlarven wollen.

Und wer ist Mursi? Ein Islamist, angeblich geläutert, der aber noch nicht mal drei Wochen brauchte, um sich mit der Führung der Hamas zu treffen und ihr seine Unterstützung zusagte. Wer meint, dass dies eine demokratische Gesinnung verkörpert, ist auf eine primitive Art und Weise dämlich und naiv, dass man sich nur wundern kann. Dass die selben westlichen Politiker, die in Netanjahu einen „Hardliner“ sehen, die bärtigen Kröte als Verkörperung demokratischer Reformen feiern, macht fast sprachlos. Vom antisemitischen Motivationen abgesehen ist es eine Beleidigung der jungen und modernen Ägypter. Nicht genug, dass der faschistoide Ich-Wahn überhaupt zur WAHL ZUGELASSN WURDE, er trug auch den Sieg davon und die enttäuschten Demokraten müssen sich unter dem Beifall der westlichen Super-Demokraten aus den USA, aus Deutschland, aus der EU der Herrschaft der „Islamo-Faschisten“ beugen, die Minderheitenrechte negieren, Frauen unterdrücken und für alle Problemfelder der Tagespolitik nur den Koran anbieten können, der logischerweise klarregelt, wie man Kopten behandelt und Frauen und Arbeitslosigkeit und Trinkwasseraufbereitung und jüdische Nachbarstaaten, wie man den Tourismus belebt ohne zu viele Touristen zu köpfen, Wohnungsbau betreibt und immer wieder Afrikas Fußballmeister wird.

Was soll dabei herauskommen? Muhamed Hosni M. ist 83 und wird vor Gericht abschneiden wie andere Angeklagte dieses Alters. Um das vorherzusehen, muss man kein Prophet sein. Und die bärtige Kröte, die uns Westerwelle und Co. sanft ans Herz legen wird den Schulterschluss mit anderen Islamisten suchen, dumm nur, dass die alle gerade mehr oder minder ebenfalls mit domestischen Problemen zu tun haben. So scheinen ja auch Gaddhafis Tage an der Macht gezählt. Auch Gaddhafi wurde ja lange Jahrzehnte vor allen von linken, liberalen Intellektuellen hofiert. Nicht obwohl er gegen Israel war, sondern wahrscheinlich sogar deshalb. Als Ölmulti konnte er immer spendabel sein und förderte mit Unsumme jeden der versprach den „Judenstaat“ zu delegitimieren. Inzwischen ein Selbstläufer. Gaddhafi aber ist wie Mubarak definitiv ein Auslaufmodell, aber keines, dass sich einfach vor Gericht setzen lassen wird wie Mubarak. Dazu ist die Figur zu theatralisch. Also wird ihr Ende auch so ähnlich sein – vielleicht wie bei Sadam Hussein, der im Erdloch ergriffen wird, aber um sich schießt oder wie dereinst der Führer der deutschen, Adolfus Hitler, zerbissen vom eigenem Schäferhund.

Leid tun mir nur die freiheitsliebenden Ägypter, die vom Sandsturm in den Schlamm geraten. Wenn sie Glück haben, wird Mursi die Kröte von der nächsten Katastrophe abgelöst. Wie die Geschichte der Tora bereits sagt, reicht den Ägyptern ein Schlag nicht zum Lernen aus und auf Murksi wie nach dem Militärputsch 87 Pest kommen oder eine andere Bestie.

Wait and see. Israel tut jedenfalls gut daran,  sich von der blinden Dämlichkeit der aktuellen Islamisten-Reinwäscher die Faschisten zu Demokraten erklären wollen, nicht beeindrucken zu lassen. In ein paar Jahren wird es ihnen furchtbar (!!) peinlich sein.

Wetten ..???

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Die Deutschlandtour sprintet durch Augsburg

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Die Geschichte der Deutschlandtour reicht ins Jahr 1911 zurück, jedoch wird sie erst seit 1999 regelmäßig ausgetragen, als eine Bombendrohung dafür sorgte, dass die Schlussetappe nach Bonn ersatzlos gestrichen wurde.

22 Teams zu je 8 Fahrern gingen zur diesjährigen Deutschland-Tour, der kleinen Entsprechung der großen Tour de France an den Start, die am Samstag auch durch die Augsburger Innenstadt führte. Unter den teilnehmenden Teams waren alle Mannschaften vertreten, die im internationalen Radsport Rang und Namen haben, so auch T-Mobile, Discovery, CSC, Phonak, Quick Step, Euskatel, Credit Agricole, Cofidis, Gerolsteiner oder Rabobank – freilich meist ohne die ganz großen Namen, wenngleich sich im Feld neben nationaler Prominenz wie die deutsche Sprinterlegende Erik Zabel, Jens Voigt von CSC auch internationale Spitzenfahrer wie der Franzosen Sèbastien Chavanel (Bouygues Telecom), der Kasache Alexander Vinokourov (dem Sieger von 2001), der Österreicher Georg Totschnig,  oder die US-Amerikaner Bobby Julich (2. im Vorjahr) oder der Gerolsteiner Levi Leipheimer befanden. Leipheimer, der im Vorjahr die Deutschlandtour für sich entscheiden konnte, hatte in diesem Jahr auch als hoch gehandelter Favorit für den Gewinn der Tour de France im gegolten, konnte dort aber die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. 

Die vierte, 203 Kilometer lange Etappe die von Heidenheim über die Lechstadt nach Bad Tölz führte, gewann der australische Sprinter Graeme Brown aus der Rabobank-Mannschaft, vor dem Führenden in der Bergwertung Stefan Schumacher vom Team Gerolsteiner. Dritter wurde Erik Zabel der nach langen Jahren für T-Mobile schon in Frankreich für das neue Team Milram an den Start ging.

Die Sprintwertung in Augsburg direkt am Stadtmarkt in der Fuggerstraße entschied der Brite Charles Wegelius vom Team Liquigas für sich gefolgt vom hellblauen Erich Zabel, der sich abends in Bad Tölz das Gelbe Trikot des Gesamtführenden überstreifen durfte. Angesprochen auf seinen Sponsor sagte Zabel augenzwinkernd: „Heute Abend gibt es mal keine Milch – wir trinken Champagner.” 

Für das dicht an der Strecke gedrängte Augsburger Publikum, das wie andernorts die trotz aller Dopingskandale um Stars wie Jan Ullrich oder den diesjährigen Tour de France – Sieger Floyd Landis ungebrochene Begeisterung für den Radsport belegte, war das Vergnügen jedoch sehr kurzfristig, denn ehe man es sich versah, waren die Sprinter, Begleitfahrzeuge wie auch das Hauptfeld an einem vorbeigezischt. Und so blieb einem jene Weisheit aus dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“, die Amélies von Raymond Dufayel gespielter Nachbar, der „Mann aus Glas“ zum Besten gibt: „Wissen Sie, das Glück ist wie die Tour de France. Man wartet so lange, und dann rast es vorbei.” 

( © yehuda, 06.08.2006)

Published in: on August 6, 2006 at 12:21 pm  Comments (1)  

abc – Augsburgs brechtige poetische Zone

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Unter einem abc kann man vieles verstehen, zum einem das gewöhnlich Alphabet, im weiteren Sinne die Grundlagen – oder -begriffe einer Sache, etwas womit eingeschulte Kleinkinder schießen, wobei es sich in aller Regel nicht um atomare, biologische und chemische Waffen handelt. In Augsburg stand das Kürzel am Wochenende für augsburg brecht connected, also … Augsburg Brecht verbunden … und das meinte eine Fülle verschiedener Veranstaltungen, vom Poetry Slam zu wohlfeilen Reden über eine Brecht’sche Lyrik – Radio Nacht, Video-Installationen und dergleichen mehr, „der Bürger als Vortragskünstler“ war ebenso gefragt wie das Tanzbein bei „Brecht on the decks“. Die Veranstalter wollten die „enge Verbundenheit Augsburgs und seiner Bürger zu Bertold Brecht aufzeigen“, doch außerhalb der „Zone“ war davon nichts zu spüren.

Die meisten Veranstaltungen waren nicht kostenlos, jedoch waren für Studenten, Schüler oder Arbeitslose ermäßigte Tickets zu erhalten. Das hätte Brecht gewiss gefallen. Bei Festivalgästen wie Herbert Grönemeyer hatte man die Frage „Was geht?“ auf den Lippen, doch blieb diese Frage in den Niederrungen des Sports am Pfosten hängen wie ein verschossener Elfmeter.

Es bleibt nun die Erinnerung daran, dass ein Teil der Augsburger Innenstadt für ein Wochenende zur „poetischen Zone“ deklariert wurde. Um sicherzustellen, dass auch unbedarfte Passanten dies bemerken, wurden zur Illustration zahlreiche selbstredende Aufkleber auf die Straße gepappt. Woran sonst sollte man bei einem immerhin auf drei Jahre angelegten Projekt ja nun auch erkennen, dass die Stadt etwas mit Poesie zu tun haben könnte? Das Gute an Witzen in Deutschland ist ja, dass sie einem immer erklärt werden.

Was nun aber ist also eigentlich eine „poetische Zone“? Nehmen wir uns zur Klärung dieser Frage eine zeitgemäße Anleihe bei wikipedia, wo ja bekanntlich alles erklärt wird:

  • Die Medienlandschaft wird anhand verschiedener literarischer Kriterien in unterschiedliche Wortzonen eingeteilt. Diese Zonen werden unter Umständen weiter in Wortarten unterteilt. Eng verknüpft mit den Wortzonen sind die Vegetationszonen, da die pflanzliche wie literarische Artenvielfalt in erster Linie vom jeweiligen Klima abhängt.

  • Hauptursache für das Auftreten verschiedener Klimate ist der unterschiedliche Einfallswinkel der Fördermittel in der Kultur, wodurch starke Unterschiede im Aufkommen aber auch in Bezug auf die Qualität auftreten, die je nach örtlicher Beschaffenheit andere Folgen hervorrufen ( Mythenbildung, Überdruß, Heldenverehrung, usw.)

  • Unter einer Zone versteht man weiter gefasst einen Teil der Erdoberfläche oder im übertragenen Sinne einen nach außen gewandten, von außerhalb wahrnehmbaren Teil eines ganzen, wobei eine Zone sich nach einem bestimmten Kriterium von ihrer Umgebung (benachbarten Zonen) unterscheidet. Unter einer poetischen Zone ist nunmehr eine, meist in Nähe mehr oder minder dicht besiedelter Blätterwälder befindliche, Subkultur zu verstehen, die gewöhnlich großen Wert darauf legt, sich von ihrer natürlichen Umgebung abzuheben.

Dies freilich kann nur gelingen, wenn  man im Brecht’schen Sinne berücksichtigt, dass die Schwärmerei für die Natur von der Unbewohnbarkeit der Städte rührt.

( Yehuda Schenef, 17. Juli 2006 )

http://www.abc-festival.de/

Published in: on Juli 17, 2006 at 10:18 am  Schreibe einen Kommentar  

Augusta celebra il nuovo campione del mondo!

Augsburg feiert den neuen Fußballweltmeister!

Tausende enthusiastische Tifosi feierten in der letzten Nacht auf Augsburgs historischer Prachtmeile der Maximilanstraße ausgelassen den vierten Titelgewinn nach 1934, 1938 und 1982. Auch zahlreiche Nichtitaliener ließen sich von der buchstäblich  überschäumenden Stimmung am Herkulesbrunnen anstecken.

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Published in: on Juli 10, 2006 at 3:05 pm  Schreibe einen Kommentar  

Augsburg vor 140 Jahren: Sitz des Deutschen Bundestags

Der Bundestag des Deutschen Bundes tagte zuletzt in Augsburg im August 1866 und beschloss dabei am 24. August seine Auflösung.

Der Deutsche Bund war eine 1815 als lose Konföderation deutscher Staaten mit Sitz in Frankfurt am Main begründet worden und trat als solcher die Rechtsnachfolge des 1806 aufgelösten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation an. Die Gründungsurkunde, die Deutsche Bundestakte gilt als Vorläufer des Deutschen Grundgesetzes und wurde von 41 Mitgliedsstaaten unterzeichnet, darunter 37 Fürstentümer und 4 freie Städte. Nur Entscheidungen, die dort mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit angenommen wurden, waren für alle Einzelstaaten bindend. Ansonsten galten die jeweiligen Landesgesetze.

Nachdem die Nationalversammlung in Frankfurt nach der gescheiterten Märzrevolution 1848 dem Königreich Preußen die Führungsrolle im Deutschen Bund zuerkannt hatte, verschärfte sich der Dualismus zwischen Österreich und Preußen, der durch die gemeinsame Gegnerschaft gegenüber nationalen und liberalen Forderungen in den Hintergrund geraten war. In der Folge konnte der Deutsche Bund seine Aufgabe als Puffer zwischen den beiden Großmächten Preußen und Österreich zu wirken nicht erfüllen und geriet in die Schusslinie des „Deutschen Krieges“ zwischen den beiden Königreichen.

Im Zuge des Krieges wurde Frankfurt, dass wie die anderen süddeutschen Parteien im Krieg auf der Seite Österreichs stand, von den Truppen Preußens besetzt, woraufhin die verbliebenen Delegierten des Bundestags nach Augsburg flohen. Dort residierte das Parlament der südlichen deutschen Staaten im Hotel Drei Mohren vom 14. Juli ab bis zu seiner vierzigsten und letzten Sitzung am 24. August 1866, bei der das Gremium in Folge des Friedens von Prag am Vortag seine Selbstauflösung beschloss. Im Friedensvertrag der auch unter Vermittlung des französischen Kaiser Napoleon III (der selbst als Schüler von 1821 bis 1823 das St. Anna Gymnasium in Augsburg besucht hatte) zustande kam, musste Österreich der Annexion Schleswigs und Holsteins sowie einiger anderer nord- und mitteldeutscher Gebiete durch Preußen sowie der Neuordnung Deutschlands in Form des Norddeutschen Bundes, d. h. einem deutschen Staatenbund ohne Österreich zustimmen. Der vollständige Anschluss der süddeutschen Staaten war so auch bereits in der Verfassung des Norddeutschen Bundes vorgesehen, die der aus allgemeinen und gleichen Wahlen hervorgegangene Norddeutsche Reichstag am 16. April 1867 verabschiedete. Darüber hinaus stand laut der Verfassung Preußen das Bundespräsidium zu sowie die Verantwortung für die Außenpolitik und das Heer; dem preußischen Ministerpräsidenten, also Bismarck, wurde das Amt des Bundeskanzlers übertragen.

Als sich die Abgeordneten des Deutschen Bundestags – unter ihnen auch Hermann von Mayer, der als “Bundes-Cassier” die “Bundes-Casse” vor den Preußen retten wollte – in Augsburg einfanden, war die militärische Entscheidung mit der Schlacht von Königsgrätz am 3. Juli bereits zugunsten Preußens gefallen. Die Delegierten im Augsburger Nobelhotel repräsentierten eine alte Ordnung, die bereits entkräftet war. Deutschland befand sich auf dem Weg der Einigung unter preußischer Hegemonie und unter Ausschluss Österreichs. Erst im nationalsozialistischen Großdeutschen Reich, sollte sich kurzfristig die damals angestrebte Reichseinigung aller deutschen Staaten kurzfristig verwirklichen, ehe die Folgen neuerlicher Kriege diese Ambitionen endgültig (?) zerschlugen.

Im Sommer 2006 jährt sich diese wichtige historische Zäsur der deutschen Geschichte und politischen Entwicklung zum 140. Mal und wirft damit auch ein Licht auf ein wenig bewusstes Detail Augsburger Stadtgeschichte, das zum Jubiläum gewürdigt werden sollte.

(Yehuda Schenef)

Published in: on Juni 28, 2006 at 2:47 pm  Schreibe einen Kommentar  

Das rätselhafte Gräberfeld an der Grottenau

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Archäologische Grabungen am Augsburger Ernst-Reuter-Platz, wo ab Herbst dieses Jahres der Spatenstich für die neue Augsburger Stadtbücherei geplant ist, legten kürzlich ein altes Gräberfeld frei. Die nach Osten ausgerichteten Gebeine ohne jegliche Grabbeigaben werfen Fragen auf, um welche Gräber es sich handelt und wann sie angelegt wurden. 

Spekuliert wird, ob die sechs bislang gefundenen Gräber (zunächst waren drei entdeckt worden), die anstelle eines hier vermuteten antiken römischen Kastells unter der Aufsicht des Grabungsleiters Stephan Kaltwasser vom Freien Institut für angewandte Kulturwissenschaft (FIAK) zu Tage traten, aus römischer, spätrömischer oder gar mittelalterlicher Zeit stammen. Der Augsburger Stadtarchäologe Dr. Sebastian Gairhos mutmaßt gemäß einem Artikel der Augsburger Allgemeinen, die Funde könnten aus dem 4. oder 5. Jahrhundert stammen, stellt aber auch fest, dass sich am heutigen Ernst-Reuter-Platz „im Mittelalter“ Gärten der nahe liegenden Patrizierhäuser befanden. Da freilich nicht davon ausgegangen werden kann, dass deren Bewohner ihre Toten im Garten begruben, deute vieles aber auf Römer hin. Das Fehlen von Grabbeigaben erklärt sich Gaierhos damit, dass hier vielleicht Christen oder sehr arme Leute begraben wurden. Unter zeitlichem Druck, so heißt, stünden die Archäologen nicht, da bis zum Baubeginn der geplanten Stadtbücherei zwischen Grottenau und Stadtmarkt der „archäologische Krimi“ in Ruhe untersucht werden könne. 

Man fragt sich freilich, was es nun eigentlich sein mag, was auf Römer deuten soll, da bekanntlich Römer ihre Toten nicht in der Erde bestatteten, sondern verbrannten. Auch ist unklar, warum Gräber ohne christliche Grabbeigaben ein Beleg für christliche Gräber sein müssen, wo sonst solche eben gerade erst durch ihre Grabbeigaben als solche identifiziert werden können. Auch die Ausrichtung der Gräber nach Osten, die für christliche Gräber bis heute nicht signifikant ist, deutet möglicherweise in eine ganz andere Richtung.  

Von den Grabfunden zur heutigen Karlstrasse, der alten Judengasse an der Ecke Kesselmarkt sind es entlang der Ludwigstraße und der Kleinen Grottenau gerade einmal 170 m. Sollte die heutige Ludwigstrasse, die nur durch ihre heutige Namensgebung von der Karlstraße, aber in keiner Weise räumlich von ihr getrennt ist, sondern diese fortsetzt, auch in früherer Zeit zu hochmittelalterlichen Judengasse gehört haben, was keineswegs  verneint werden kann, wären es jedoch nur bloße 60 m. Denkt man sich zudem noch die heutigen Bauten an der Südseite der Ludwigstraße weg, die es nötig machen, über die Kleine Grottenau zum Grabplatz zu gelangen, wäre die Strecke nochmals ganz bedeutend kürzer und betrüge nur mehr wenige Meter. Wäre hier tatsächlich ein jüdischer Friedhof gewesen, wäre er in direkter Nachbarschaft zu Judengasse gewesen und hätte unmittelbar an sie angegrenzt.  

Gab es hier also einen alten jüdischen Friedhof in der Augsburger Innenstadt? Das wesentlichste Argument dagegen dürfte sein, dass sich unweit des Judenviertels im Nordwesten der Altstadt doch ein historisch belegter Friedhof befand, der in alten Dokumenten und Karten als „Judenkirchhof“ bezeichnet ist. In einer erhaltenen Urkunde aus dem Jahre 1298 verpflichteten sich die Augsburger Juden gegenüber den oberen der Reichsstadt sogar dazu auf eigene Kosten und unter dem Pfand all ihres Vermögens, eine Mauer zu errichten, um die Stadt und den Friedhof zu sichern. Noch bis ins 19. Jahrhundert hieß die Ummauerung in Augsburger Stadtkarten demgemäß auch Judenwall und die dort später errichtete militärische Befestigung Judenbastei. All dies ist bekannt und ausreichend dokumentiert. Jedoch geht aus keinem Dokument auch hervor, dass der durch die Mauer im Jahre 1298 gesicherte Friedhof bereits belegt war. So gibt es auch keinen Beweis dafür, dass mit der Mauer auch der Friedhof selbst erst angelegt wurde. Verbürgt aber ist, dass es zumindest seit 1210 eine jüdische Gemeinde in der Stadt gab, mit Synagoge, Tanzhaus und eigenem Ritualbad. Gleichfalls sicher ist, dass Augsburg im 13. Jahrhundert sich territorial ausdehnte, auch gerade nördlich der alten Bischofsstadt. Es ist demnach durchaus plausibel anzunehmen, dass der Judenkirchhof Teil dieser Erweiterungen war, die sich östlich davon bis zum Fischertor an der heutigen Frauentorstraße erstreckten, die zunächst Windgasse hieß. Wenn nun aber der jüdische Friedhof am Judenwall erst in dieser Zeit entstanden ist, dürften sich dort keine Gräber aus dem 13. Jahrhundert dort befinden. Solche sind in der tat auch nicht nachweisbar. Dann freilich stellt sich die Frage, wo die seit mindestens neun Jahrzehnten existierende jüdische Gemeinschaft zuvor ihre Toten bestattet haben könnte. Dass dies ganz in der Nähe der Judensiedlung an der historischen Judengasse geschehen sein soll, ist alles andere als abwegig. Die spätere, im oben zitierten Zeitungsartikel erwähnte Nutzung des Geländes als Gärten von Patrizierhäusern ist ohnehin erst für das frühe 16. Jahrhundert belegt, als es längst keine jüdische Gemeinde mehr in der Stadt gab. Diese verließ Augsburg in den Jahren 1438 bis 1440. Jahre danach beschlagnahmte die Reichsstadt die Grabsteine des Judenkirchhofs und verbaute sie im ersten steinernen Rathaus der Stadt und an anderen Stellen.  

(yehu, 25.06.2006) 

Quellen:

Augsburger Allgemeine,  13.04.2006, 

Augsburger Extra – Wochenzeitung für Augsburg, 19.04.2006 

 

Published in: on Juni 27, 2006 at 9:41 am  Schreibe einen Kommentar  

ILIFA – Internationales Literatur Forum Augsburg

 Wir leben in Augsburg, sind dort geboren oder aufgewachsen, zugewandert oder heimisch geworden und reflektieren unsere Erfahrungen und Beobachtungen über Stadt und Menschen in Form von Gedichten, Texten, Bildern und Geschichten.

Wir hinterfragen, beleuchten, kritisieren und entdecken, was dem gewöhnlichen Alltagsblick mitunter entgeht, der Alltägliches zugunsten des Besonderen vernachlässigt und dokumentieren mit Worten und Bildern was uns betrifft.ILIFA ist international Wir stammen aus

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WER wir sind: Architekten, Schneider, Theologen, Chemiker, Fahrraddidakten, Talmudisten, Obsthändler, Soldaten, Programmierer, Übersetzer, Monteure, usw.

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Published in: on Juni 27, 2006 at 9:27 am  Comments (1)