Alles gleichzeitig

Ich bin hier wegen der Musik

Nun ja, wegen dem Krach

Die Musik … oh Gott, es zieht mich runter.

Die ganze Zeit schon.

Ach, damals schon und jetzt.

Sicher, ich kenn die alte Leier

Oh, nein, sing es nochmal, bitte!

Nun ja, es gibt so viel Zeug, dass ich noch nicht versteh

Wie schnell werden Tage zu Wochen und zu Monaten?

Und dann aber … werden Jahre sofort wieder

Zu einem einzigen Augenblick

Lautlos rieselnd … in der Sanduhr

Hat Gott die Zeit vielleicht nur deshalb erfunden,

damit nicht alles gleichzeitig stattfindet?

 

Ich liebe deine Musik

Wohl bevor ich überhaupt wurde

Vor langer Zeit

Wer weiß, wie lang schon

Wir dieses Lied sangen?

Gemeinsam mit dem Wind?

Aber bitte, es gibt so viel Zeug, dass ich noch nicht versteh

Wie schnell werden Tage zu Wochen und zu Monaten?

Und dann aber werden Jahre schnell wieder zu einem Augenblick

Rieselnd in der Sanduhr

Hat Gott die Zeit vielleicht nur deshalb erfunden,

damit nicht alles gleichzeitig stattfindet?

 

Ich weiß es nicht und

Ich versteh es nicht

… ich kam ja nur,

… weil ich die Musik sein wollte …

 

Chana Tausendfels

2. April 2000

 

 

Published in: on April 3, 2010 at 12:35 pm  Kommentar verfassen  
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Flexibilität im reflektionsarmen Raum

 Wenn man die Gelegenheit bekommt, einem sog. „Global Player“ bei seiner Arbeit zuzusehen, sollte man die Gelegenheit beim Schopfe packen. Eine solche Gelegenheit bot sich beim Computerhersteller Fujitsu-Siemens (FSC) , der zur Werksbesichtigung geladen hatte.  

Das Unternehmen ist ein im Oktober 1999 zustande gekommener Zusammenschluss der  Fujitsu Limited aus Tokyo und der Münchner Siemens AG, die beide jeweils genau 50 % der Aktienanteile halten. Im Geschäftsjahr 2006 erwirtschaftete das Unternehmen bei einem Umsatz von etwa 6.9 Milliarden Euro einen Gewinn vor Steuern in der Größe von 91 Millionen Euro. Mit den deutschen Produktions- und Entwicklungsstandorten Augsburg, München, Paderborn und Sömmerda und dem kalifornischen Sunnyvale waren im April 2007 rund 10.700 Personen im Unternehmen beschäftigt. Zudem stehen weltweit ca. 35.000 Vertragshändler zur Seite.   

Das Werk beschäftigt derzeit am Standort Augsburg neben ca. 2000 eigenen Mitarbeitern noch ca. 600 weitere von sog. Leihfirmen und gliedert sich dabei in drei wesentliche Produktions- und Montagestätten. Selbst produziert werden freilich nur die Motherboards, die für Groß- aber auch Einzelkunden nach spezifischen Wünschen angefertigt werden.   Die erste Station der Führung navigierte uns in den akustischen Laborraum. Der „reflexionsarme Raum“ (engl. semi-anechoic room) ist ein nahezu schalldichter Laborraum, dessen Wände mit Absorbermaterialien (radiation absorbent material, kurz RAM) wie etwa Glas- oder Mineralwolle verkleidet sind, die die Energie des auftreffenden Schalls absorbieren und in Wärmeenergie umwandeln und deshalb nahezu keinen Schall reflektieren. Je nach vorgesehener tiefster absorbierender Frequenz, kann eine solche Auskleidung mit Keilen („Pyramiden“) bis zu einem Meter oder mehr von den Seitenwänden und der Decke in den Raum hineinreichen. Dies verleiht auch der FSC-Einrichtung die bekannte charakteristische Optik. Zweck dieser Kammern ist im Allgemeinen die Schallleistung von Geräten, Maschinen oder Fahrzeugen zu bestimmen oder um Messmikrophone zu kalibrieren. Hier nun testet das Forscherteam von FSC ihre „Prüflinge“, also Computer unter möglichst hoher Peripherieauslastung, um einen den geringsten Geräuschpegel zu erzielen. Dazu werden die Geräte in ihrer jeweiligen Testanordnung auf einem metallfreien Tisch aufgebaut, der sich wiederum auf einer Drehscheibe befindet. Sodann wird der Raum verschlossen und der Testvorgang mittels einer Kamera von Außen überwacht. Für die Führung freilich wurde ein laufender Test unterbrochen und sobald die Türe geschlossen war klangen die Stimmen des Werksführers und der Fragenden seltsam dumpf und ohne Stimmvolumen, so als säße man in einem Karton, ein Effekt, der die meisten Besucher sichtlich überrascht.     

Die Mineralwolle der „Pyramiden“ sind ein besonders wirksamer, nichtbrennbarer Dämmstoff, dessen Fasern Hautreaktionen wie Juckreiz auslösen können und dessen Stäube im Verdacht stehen, krebserregend zu sein – was der Werksführer, trotz einiger bereits etwas brüchiger Spitzen freilich nicht thematisiert – jedoch mangelt es in der Umgebung des Laborraums freilich nicht an Warn- und Hinweisschildern, dass Brände in der Absorptionskammer unbedingt und ausschließlich mit CO² (Kohlenstoffdioxid) zu ersticken sind und ein mannshohe rote Gasflasche steht folglich auch nicht zufällig griff- und einsatzbereit neben der Türe. Die Absorption im Radiofrequenzbereich kann eine enorme Hitze entwickeln und die Testgeräte bei einem Defekt ggf. in Brand setzen. Die Nachfrage, wie oft es zu Bränden käme, ignorierte oder überhörte der Führer und kam stattdessen auf dem Weg zur nächsten Station der Führung auf die außerordentlichen Standortvorteile in Augsburg zu sprechen. Dieser nämlich ergebe sich durch die unmittelbare räumliche Nähe zwischen Forschung und Produktion, weshalb neue Erkenntnisse einerseits und praktische Erfahrungen andererseits sich rasch und auf kurzen Wegen gegenseitig begünstigen können. Wo andere Hersteller also darauf warten müssten, bis fehlerhafte Produktionen zwischen Entwicklungs- und Herstellungszentrum oft bis zu acht Wochen mit dem Schiff unterwegs seien, brauchte man am Standort Augsburg nur ins Nebengebäude gehen und könnte Hand in Hand zusammenarbeiten. Wenn man beiseite lässt, dass Konkurrenten des Unternehmens das kaum anders handhaben dürften, klingt dies zunächst in der Tat beeindruckend, jedoch ließen sich Dank FedEx, UPS und Co. wohl selbst dann auf verschiedenen Kontinenten liegende Orte binnen kürzester Zeit über die Versendung von Express-Frachtgütern, überbrücken, von selbstverständlich gewordenen Technologien wie e-mail, Videokonferenzen und dergleichen ganz zu schweigen. Aber nun gut, die Legende sei als Lokalpatriotismus verziehen.   

Der ganze Stolz und Kernstück der Firma sind die vor Ort gefertigten Motherboards (die freilich in der Produktsuche des Online-Shops nicht erhältlich sind). FSC verfügt dabei über eine reiche Erfahrungen im sog. „Enterprise Computing“, d.h. dass  spezifische Anforderungen gemeinsam mit dem Kunden als „maßgeschneiderte IT-Lösungen realisiert“ werden. Das Unternehmen zählt wegen seiner ungeheueren Flexibilität in diesem Bereich „zu den führenden Anbietern professioneller PC-Lösungen für Geschäftskunden und ist zudem der europäische Marktführer im Privatkunden-Markt.“ Eine Formulierung die freilich der Präzision bedürfte, ob dies auf den europäischen Markt im Allgemeinen oder auf die rein europäischen Konkurrenten bezieht. Wenngleich Personal Computer heutzutage praktisch in jedem Haushalt verbreitet sind und wohl auch alle Teilnehmer der Führung persönlich damit in der einen oder anderen Weise privat, im Studium oder geschäftlich vertraut sind, lässt sich dieser Themenkomplex nicht näher spezifizieren, denn für den gemeinen Konsumenten spielt es keine zu große Rolle, ob das Motherboard („Was genau ist das eigentlich?“) nun über 2- oder 3-DIMM-Memories, über 2x, 4x oder gar 8x AGP-Slots und dergleichen verfügt. Allenfalls in der „Glaubensfrage“ Intel oder AMD blitzen unter den Besuchern kurzfristig jeweils entsprechende Bekenntnisse auf („Intel ist besser!“ – „Ich war mit AMD bislang immer zufrieden!“). Zwar wird nicht klar, worin genau sich nun die Variabilität der FSC-Motherboards in der Bandbreite von nicht minder vielseitigen Konkurrenten wie Micro-Star, ASUS und anderen unterscheiden soll, aber das Interesse wendet sich nun zurecht der Produktionsstätte selbst zu.   

Wir betreten eine große Halle, auf die wir nun über eine Galerie einen guten Blick auf insgesamt zehn Produktionsreihen haben. An den Decken herab hängen über den einzelnen Produktionsschritten erklärende Tafeln, die es ermöglichen, nachzuvollziehen, um welche Einheit es sich jeweils handelt. Die Beschriftungen sind in deutscher Sprache und Englisch untertitelt und dienen wohl eher der Orientierung der Galeriebesucher als den Mitarbeitern, die sie von unten wohl nur schwerlich lesen können, zumal der Anteil russischer und türkischer Arbeiter erkennbar nicht gering ist. An jeder Einheit der einzelnen Linien sind – erstaunlich wenige – Personen damit beschäftigt, ihre jeweilige Maschine mit den erforderlichen Teilen zu versehen, damit im Laufe der Produktionslinie das gewünschte Motherboard inkl. Lötung entstehen kann. Hier wird rund um die Uhr in drei Schichten gearbeitet und bei einem Automatisierungsgrad von 90 % ein täglicher Output von etwa 12.000 Einheiten produziert. Die Mitarbeiter von zwei Linien bilden jeweils eine „Leistungsgruppe“ und werden entsprechend ihrer Leistung mit Prämien zu ihrem Grundlohn vergütet. Damit sich dies nicht negativ auf die Qualität der Produkte auswirkt werden auch die Arbeitszeiten der Kontrolle und Reparatur hinzugerechnet, was wie auch immer zu einer nicht geringen Fehler- oder Ausschussquote von rund 3 % führt. Die einzelnen Arbeiten der Beschäftigten mögen zwar monoton wirken oder auch sein, jedoch habe sich erwiesen, so erklärt der Führer, dass die meisten Beschäftigten keineswegs zu abwechslungsreiche, sondern eher überschaubare, leicht beherrschbare Arbeitsschritte für sich wünschten, in denen sie sich auch mühelos zurecht fänden. Die so nun gebildeten Leistungsgruppen nennt der Werksführer liebevoll „Familien“, muss auf Nachfrage aber auch eingestehen, dass auch hier der Anteil von Leiharbeitern stetig wächst. Dieser ist in der nächsten Halle, in der die Bestückung und Montage der Endgeräte stattfindet freilich noch weit höher und beträgt hier sodann rund 50 % der dortigen Belegschaft. Die neue Halle beginnt mit einem Trainingszentrum für eben jene von Zeitarbeitsfirmen angeforderten Hilfskräfte, in welchen sie mit allen erforderlichen Arbeitsschritten, die auf sie zukommen können, vertraut gemacht werden, ehe nach drei Tagen entscheiden wird, ob sie nun für Fujitsu-Siemens arbeiten dürften. Dazu erzählte der Werksführer eine vielleicht aufschlussreiche Anekdote. So sei es einmal dazu gekommen, dass die Mitglieder des Firmenmanagements eben auch in der selben Trainingseinrichtung beschäftigt wurden, um die erforderlichen Arbeitsschritte sozusagen als „practical knowledge“ eigenen Leib zu verstehen und zu vollziehen. Am Ende ihrer dreitägigen Erkundung wurden sie sodann von ihren „Ausbildern“ befragt, was sie, nunmehr in die Produktionsabläufe geschult, als tägliche Arbeitsleistung empfehlen würden. Die Antworten der Manager rangierten in der Größenordnung von 15 bis 20 montierter Geräte pro Mitarbeiter und Schicht. Umso erstaunter sollen sie sodann gewesen sein, als man ihnen sagte, dass ein neu angelernter Leiharbeiter, der am Tag unterhalb von 40 montierten Geräte bliebe, am nächsten Tag gar nicht mehr zur Arbeit erscheinen brauche. Ob diese direkte Erfahrung nun für die Manager leerreich war, ist freilich nicht überliefert. In der Montage, wo nur im Zweischichtbetrieb gearbeitet wird, werden alle erforderlichen Einzelteile für das Endgerät in schwarzen Kisten gelegt, ehe sie am Ende dann in eigenen Montagelinien vollständig montiert werden müssen. Von Leistungsgruppen oder Familien ist hier nicht mehr die Rede, was vielleicht an der hohen Quote an Leiharbeitern liegt. Jedoch bezeichnete der Referent jene Station in der die Festplatten der späteren PCs ihre Seriennummer aufgeklebt bekommen, als „Entbindungsstation“ und schon im nächsten Schritt werden die Neugeborenen sodann mit der gewünschten Software „betankt“, was je nachdem 20 bis 60 Minuten dauert. Für die Montage bleiben den dafür beschäftigten Personen nun bloße sechs Minuten Zeit. Das verblüfft alle Teilnehmer der Führung.   Dazu stehen die Arbeiter an Tischen die mit dem entsprechenden Werkzeug ausgestattet sind, wovon ein elektrischer Schraubenzieher offensichtlich die Hauptwaffe im Kampf um Präzision und Zeit ist. Doch selbst dieses Tempo wird noch getoppt, als wir erfahren, dass in der Verpackungsabteilung nur 15 Sekunden benötigt werden, um den fertig montierten und zuvor nochmals geprüften PC zu verpacken. Tatsächlich arbeiteten aber vier Personen Hand in Hand, wobei jeder Handgriff sitze, so dass gewissermaßen die Arbeit von einer Minute auf eben jene 15 Sekunden „in Echtzeit“ reduziert würde. So sehen bekommen wir das freilich nicht, doch spätestens an diesem Punkt ist es klar, dass in der Werksführung das Gespräch mit den Arbeitern fehlt, um deren praktische Erfahrungen mit diesen und jenen Rekordzahlen zu erfragen. Spüren sie einen Unterschied, wenn sie ein Gerät in 13 oder 23 Sekunden verpacken, liegt der Hausrekord bei 9 Sekunden oder reicht es an heißen Tagen und einer sieben Stunden Schicht vielleicht nur noch für 33 Sekunden?

Die Frage danach, ob es denn auch eine hauseigene Abteilung für die Ausarbeitung von Optimierungs- und Planungskonzepte gibt, liegt in der Luft und wird, obwohl überflüssig, trotzdem gestellt. Unser Führer bejaht dies natürlich und gibt bekannt, dass er dieser sogar angehört und dass dies seine eigentliche Arbeit bei Fujitsu-Siemens sei, nicht etwa Werksführungen. Da wechsle man sich in den Abteilungen ab. In der angefragten Abteilung sind insgesamt sieben Personen beschäftigt, wovon sich drei allein mit der Auswertung der erfassten Daten befassen. Das kann man sich gut vorstellen. Man beachtet die Abläufe, stoppt die Zeiten, berechnet Durchschnittswerte, vergleicht sie mit den Idealwerten, sucht Schwachstellen, fertigt hübsche Schaubilder und wird sich überlegen, ob man hier und dort mehr auf das Konzept der „Familie“ setzt oder aus Kostengründen doch etwas mehr auf Leiharbeiter. Die vier anderen Mitarbeiter des Teams befassten sich nun eben mit genau diesen Fragen, wie einzelnen Arbeitsschritte noch mal optimiert und verbessert werden könnten. Zweifellos ist das eine äußerst wichtige und ernsthafte Angelegenheit für das Unternehmen, dass es in dieser Branche mit zahlreichen Konkurrenten zu tun hat, die in asiatischen Billiglohnländern produzieren. Jede Ersparnis an Zeit und Personal kann dabei zum wettbewerbsentscheidenden Merkmal werden. Das liegt auf der Hand. Und zweifellos stehen sich die Anforderungen in der Ersparnis an Zeit und an Personalkosten widersprüchlich gegenüber, denn je mehr man auf angelernte Leiharbeiter setzt, umso mehr geht auch wieder für die Einarbeitung und der Inkaufnahme von einer höheren Quote an Ausschuss wieder an wertvoller Zeit verloren, so dass es fast ein Nullsummenspiel ist, denn qualifizierte, fest angestelltes Personal erfordert im Gegenzug wiederum höhere Personalkosten. Obgleich das frühere Limit für Zeitarbeiter abgeschafft wurde, dass es nur maximal für ein Jahr erlaubte einen Leiharbeiter in einem Ausleihbetrieb am Stück zu beschäftigen – was faktisch für zwei recht unterschiedlich entlohnte Klassen von Beschäftigten in den Unternehmen und damit auch für einen gewissen sozialen Unfrieden sorgt – ist die Fluktuationsrate bei Leiharbeitern nach wie vor sehr hoch. Auf der Lohnkostenseite ist die Ersparnis für den Ausleihbetrieb längst nicht so wirksam wie man vermuten möchte, da Zeitarbeitsfirmen oft 20.- € und mehr pro Arbeitsstunde vom Entleiher bekommen – davon landen nur etwa 7.50 € brutto beim Leiharbeiter selbst – jedoch rentiert es sich in Bezug auf die hohen Sozialabgaben, insbesondere bei Krankheiten oder Unfällen, denn für den erkrankten Leiharbeiter bekommt der Entleiher sofort Ersatz, während die Zeitarbeitsfirma das soziale „Problem“ schultert. Logischerweise liegt die Optimierungsstrategie vor allem im Vereinfachen der Arbeitsabläufe und folglich auch in einem noch höheren Grad an Automation. Vorbild dafür ist, wie uns der Führer sagt, nach wie vor Toyota, wobei man berücksichtigen müsse, dass es doch einige wesentliche Unterschiede zwischen Japan und Deutschland gebe. Beispielsweise setzte man weit weniger Personal ein, als die Japaner und zudem sozialverträglich auch ältere Menschen über dreißig Jahre, die man in einer japanischen Fertigung praktisch nicht sehen würde. Auch in der Unternehmensphilosophie gebe es hier Unterschiede. Während hier im Werk im Produktionsablauf überall Puffer vorhanden wären, die es erlauben, auftretende Probleme, Fehler und Engpässe zeitweilig zu kaschieren, vertrete man dort die Auffassung, dass Fehler auch wehtun müssten. Zur Not stünde dann eben die Produktion still bis Fehler gefunden und das Problem gelöst sei.

„Wir Deutsche haben da eine andere Mentalität und wollen Fehler lieber kaschieren, sie überspielen – aber damit behalten wir die Schwächen dann eben auch ein Stück weit“. Das ist zweifellos eine interessante, wenngleich auch nicht widerspruchsfreie Ausführung, gerade hinsichtlich des zuvor betonten hohen Automationsgrades, aber die Führung neigt sich ihrem Ende zu und so sehen wir zuletzt am Ende der Halle noch die offenbar neue Einrichtung ergonomischer neuer Arbeitstische, die u.a. auch höhenverstellbar sind und den Arbeiterinnen ermöglichen, wahlweise sitzend oder stehend zu arbeiten. Diese Plätze, so erfahren wir, sind nun speziell für ältere Arbeitskräfte geschaffen worden – wobei unklar bleibt, warum jüngere an ergonomischen Arbeitsplätzen kein Interesse haben sollten – von denen wir freilich nur Personen sehen, die kaum älter als Mitte vierzig sein konnten. Trotzdem aber ist dies ein sozialer Aspekt, der in gesamtgesellschaftlicher Verantwortung, durchaus zur Unternehmensphilosophie des Unternehmens gehöre.     

Mit dem Verlassen der Halle gelangen wir nun zu einer Durchgangs- und Verbindungshalle in der an der Wand Schautafeln und Glasvitrinen Aufschluss geben über die interessante historische Vorgeschichte des Standorts, an dem man 1986 bei seiner Errichtung, bzw. Ausbau beim Ausheben auf jungsteinzeitliche bis vorrömische bronzezeitliche Gräber- und Urnenfelder stieß. Gezeigt werden einige Überreste von „Speichermedien“ aus späterer hallstättischer Zeit mit den charakteristischen geometrischen Einkerbungen jener Epochen. Naturgemäß würde mich dies als Historiker noch weit mehr interessieren als die eigentliche Werksführung, doch zum Abschied bleibt keine Zeit, um die Eindrücke zu vertiefen, richtet sich zuletzt doch auch der Fokus noch ein mal auf die Optimierung der Arbeitsabläufe bei Fujitsu-Siemens Computers und der betriebseigenen Systematik Verbesserungsvorschläge seitens der Mitarbeiterschaft anzuregen und mittels Sachprämien zu belohnen. Dazu lagen an einem Stand Broschüren aus, die wir auch mitnehmen durften. Der Mitarbeiter formuliert dabei als „Einreicher“ unter Angabe seiner Abteilung und Mitarbeiternummer – was Leiharbeiter freilich ausschließt – seinen Verbesserungsvorschlag („VV“) und begründet in einem Textfeld „Warum und wie soll verbessert werden?“ Direktvorschläge („kann sofort eingeführt und von der Führungskraft prämiert werden“) werden nun danach bewertet, ob sich der VV an einem Arbeitsplatz, an mehreren einer Abteilung gleichzeitig, in einem Hauptbereich oder gar in verschiedenen Hauptbereichen auswirkt. Entsprechend gestaffelt werden dann nach dem „Nutzwert“ des Vorschlags auch die dafür vorgesehen Ideen-Punkte, die sich dann in Sachprämien bezahlt machen. Die zu vergebenden Prämien reichen sodann von einer Strandtasche (10 Ideenpunkte) bis zu einem neuen hauseigenen Laptop (1980 Ideenpunkte). Für letzteren müsste man freilich bereits mehr als sechs umgesetzte Verbesserungsvorschläge (je 300 Ideenpunkte) vorweisen, die sich jeweils in verschiedenen Hauptbereichen des betrieblichen Ablaufs zugleich auswirken. Aufgaben und Anforderungen, für die sonst wahrscheinlich bei etwas höherer Entlohnung das Planungsmanagement, sprich die Firmenleitung zuständig sein sollte. Anreize jedoch sind Anreize und nicht gering zu schätzen. Findet so beispielsweise nun eine Verpackungskraft eine Möglichkeit wie sich künftig die durchschnittliche Verpackung eines PCs von 15 auf 14 Sekunden senken lässt, so wäre dies definitionsgemäß ein VV, der sich „an mehreren Arbeitsplätzen in einem bereich“ auswirkte. Je nach Wirkungsgrad des Vorschlags könnte dies als zwischen 50 (entspricht der Sachprämie einer elektrischen Zahnbürste) und 250 Ideen-Punkte (das könnte fast für einen elektronischen Insektenvernichter reichen) einbringen, vorausgesetzt, der „Einbringer“ macht sich bei seinen Arbeitskollegen damit nicht zu unbeliebt. Getreu des Firmen-Slogans „We make sure“ wäre dies ggf. zu erwägen.   

Als Fazit bleibt festzustellen, dass Fujitsu-Siemens Computers, als Europas größtes Computerunternehmen mit Sitz im niederländischen Maarsen sich als sog Global-Player gut aufgestellt hat, wobei insbesondere der Standort Augsburg durch die vor Ort entwickelten und gefertigten Mainboards realistische Chancen hat, sich im weiter zunehmenden internationalen Wettbewerb zu behaupten, wenngleich auch erkennbar ist, dass dessen Druck die bereits vorhandene Ausrichtung hin zu noch mehr Automation und Einsatz von Leihkräften weiter verstärken wird. Viel wird davon abhängen, wie sich der Markt der nächsten Jahre allgemein entwickelt.    

(Yehu, Juni 2007)

Published in: on Oktober 16, 2007 at 9:31 pm  Comments (4)  

Die Deutschlandtour sprintet durch Augsburg

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Die Geschichte der Deutschlandtour reicht ins Jahr 1911 zurück, jedoch wird sie erst seit 1999 regelmäßig ausgetragen, als eine Bombendrohung dafür sorgte, dass die Schlussetappe nach Bonn ersatzlos gestrichen wurde.

22 Teams zu je 8 Fahrern gingen zur diesjährigen Deutschland-Tour, der kleinen Entsprechung der großen Tour de France an den Start, die am Samstag auch durch die Augsburger Innenstadt führte. Unter den teilnehmenden Teams waren alle Mannschaften vertreten, die im internationalen Radsport Rang und Namen haben, so auch T-Mobile, Discovery, CSC, Phonak, Quick Step, Euskatel, Credit Agricole, Cofidis, Gerolsteiner oder Rabobank – freilich meist ohne die ganz großen Namen, wenngleich sich im Feld neben nationaler Prominenz wie die deutsche Sprinterlegende Erik Zabel, Jens Voigt von CSC auch internationale Spitzenfahrer wie der Franzosen Sèbastien Chavanel (Bouygues Telecom), der Kasache Alexander Vinokourov (dem Sieger von 2001), der Österreicher Georg Totschnig,  oder die US-Amerikaner Bobby Julich (2. im Vorjahr) oder der Gerolsteiner Levi Leipheimer befanden. Leipheimer, der im Vorjahr die Deutschlandtour für sich entscheiden konnte, hatte in diesem Jahr auch als hoch gehandelter Favorit für den Gewinn der Tour de France im gegolten, konnte dort aber die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. 

Die vierte, 203 Kilometer lange Etappe die von Heidenheim über die Lechstadt nach Bad Tölz führte, gewann der australische Sprinter Graeme Brown aus der Rabobank-Mannschaft, vor dem Führenden in der Bergwertung Stefan Schumacher vom Team Gerolsteiner. Dritter wurde Erik Zabel der nach langen Jahren für T-Mobile schon in Frankreich für das neue Team Milram an den Start ging.

Die Sprintwertung in Augsburg direkt am Stadtmarkt in der Fuggerstraße entschied der Brite Charles Wegelius vom Team Liquigas für sich gefolgt vom hellblauen Erich Zabel, der sich abends in Bad Tölz das Gelbe Trikot des Gesamtführenden überstreifen durfte. Angesprochen auf seinen Sponsor sagte Zabel augenzwinkernd: „Heute Abend gibt es mal keine Milch – wir trinken Champagner.” 

Für das dicht an der Strecke gedrängte Augsburger Publikum, das wie andernorts die trotz aller Dopingskandale um Stars wie Jan Ullrich oder den diesjährigen Tour de France – Sieger Floyd Landis ungebrochene Begeisterung für den Radsport belegte, war das Vergnügen jedoch sehr kurzfristig, denn ehe man es sich versah, waren die Sprinter, Begleitfahrzeuge wie auch das Hauptfeld an einem vorbeigezischt. Und so blieb einem jene Weisheit aus dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“, die Amélies von Raymond Dufayel gespielter Nachbar, der „Mann aus Glas“ zum Besten gibt: „Wissen Sie, das Glück ist wie die Tour de France. Man wartet so lange, und dann rast es vorbei.” 

( © yehuda, 06.08.2006)

Published in: on August 6, 2006 at 12:21 pm  Comments (1)  

Ein kalter Wind fegt übers Eis

Am Königsplatz, abends acht

Die Läden haben zugemacht

Die Straßen sind schon menschenleer

Nur noch Schnee fällt zentnerschwer

Ein kalter Wind fegt übers Eis

Augsburg im Winter ist ein Scheiß 

Ein Penner wankt am Straßenrand

Die Vodka-Flasche in der Hand

Nicht von Engeln auserkoren

Und jeder Hoffnung abgeschworen

Er torkelt zu nem Weihnachtsbaum

Und pisst ihn an, man glaubt es kaum 

Kulturhauptstadt wird Augsburg nicht

Scheint Ruhe hier doch Bürgerpflicht

Kultur vor Ort mehr schlecht als Brecht

Und chronisch noch ersatzgeschwächt

Hauptstadt ist man nur in der Provinz

Als Highlight gilt der Faschingsprinz 

Ein kalter Wind weht durch die Straßen

Mit langer Weile ist nicht zu spaßen

Leute schleichen im Minutentakt

Vermeiden jeden Sichtkontakt

Niemand bringt die Kuh vom Eis

Augsburg im Winter ist ein Scheiß 

( © Sam, 2003 )

Published in: on Juli 21, 2006 at 10:06 am  Comments (1)  

abc – Augsburgs brechtige poetische Zone

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Unter einem abc kann man vieles verstehen, zum einem das gewöhnlich Alphabet, im weiteren Sinne die Grundlagen – oder -begriffe einer Sache, etwas womit eingeschulte Kleinkinder schießen, wobei es sich in aller Regel nicht um atomare, biologische und chemische Waffen handelt. In Augsburg stand das Kürzel am Wochenende für augsburg brecht connected, also … Augsburg Brecht verbunden … und das meinte eine Fülle verschiedener Veranstaltungen, vom Poetry Slam zu wohlfeilen Reden über eine Brecht’sche Lyrik – Radio Nacht, Video-Installationen und dergleichen mehr, „der Bürger als Vortragskünstler“ war ebenso gefragt wie das Tanzbein bei „Brecht on the decks“. Die Veranstalter wollten die „enge Verbundenheit Augsburgs und seiner Bürger zu Bertold Brecht aufzeigen“, doch außerhalb der „Zone“ war davon nichts zu spüren.

Die meisten Veranstaltungen waren nicht kostenlos, jedoch waren für Studenten, Schüler oder Arbeitslose ermäßigte Tickets zu erhalten. Das hätte Brecht gewiss gefallen. Bei Festivalgästen wie Herbert Grönemeyer hatte man die Frage „Was geht?“ auf den Lippen, doch blieb diese Frage in den Niederrungen des Sports am Pfosten hängen wie ein verschossener Elfmeter.

Es bleibt nun die Erinnerung daran, dass ein Teil der Augsburger Innenstadt für ein Wochenende zur „poetischen Zone“ deklariert wurde. Um sicherzustellen, dass auch unbedarfte Passanten dies bemerken, wurden zur Illustration zahlreiche selbstredende Aufkleber auf die Straße gepappt. Woran sonst sollte man bei einem immerhin auf drei Jahre angelegten Projekt ja nun auch erkennen, dass die Stadt etwas mit Poesie zu tun haben könnte? Das Gute an Witzen in Deutschland ist ja, dass sie einem immer erklärt werden.

Was nun aber ist also eigentlich eine „poetische Zone“? Nehmen wir uns zur Klärung dieser Frage eine zeitgemäße Anleihe bei wikipedia, wo ja bekanntlich alles erklärt wird:

  • Die Medienlandschaft wird anhand verschiedener literarischer Kriterien in unterschiedliche Wortzonen eingeteilt. Diese Zonen werden unter Umständen weiter in Wortarten unterteilt. Eng verknüpft mit den Wortzonen sind die Vegetationszonen, da die pflanzliche wie literarische Artenvielfalt in erster Linie vom jeweiligen Klima abhängt.

  • Hauptursache für das Auftreten verschiedener Klimate ist der unterschiedliche Einfallswinkel der Fördermittel in der Kultur, wodurch starke Unterschiede im Aufkommen aber auch in Bezug auf die Qualität auftreten, die je nach örtlicher Beschaffenheit andere Folgen hervorrufen ( Mythenbildung, Überdruß, Heldenverehrung, usw.)

  • Unter einer Zone versteht man weiter gefasst einen Teil der Erdoberfläche oder im übertragenen Sinne einen nach außen gewandten, von außerhalb wahrnehmbaren Teil eines ganzen, wobei eine Zone sich nach einem bestimmten Kriterium von ihrer Umgebung (benachbarten Zonen) unterscheidet. Unter einer poetischen Zone ist nunmehr eine, meist in Nähe mehr oder minder dicht besiedelter Blätterwälder befindliche, Subkultur zu verstehen, die gewöhnlich großen Wert darauf legt, sich von ihrer natürlichen Umgebung abzuheben.

Dies freilich kann nur gelingen, wenn  man im Brecht’schen Sinne berücksichtigt, dass die Schwärmerei für die Natur von der Unbewohnbarkeit der Städte rührt.

( Yehuda Schenef, 17. Juli 2006 )

http://www.abc-festival.de/

Published in: on Juli 17, 2006 at 10:18 am  Kommentar verfassen  

„Huggggh“, sprach der Bischof

Als praktizierender Jude nimmt man zwar in aller Regel nicht viel arg Notiz von katholischen Bischöfen, aber man hatte mich zugegeben – vielleicht auch gerade deshalb -vorgewarnt, als ich die Gelegenheit zu einer Begegnung mit dem religiösen Führer der Augsburger Katholiken, Bischof Walter Mixa im Rahmen einer JU-Veranstaltung erwähnte. Der Vertreter des Vatikans in der Lechstadt wurde mir selbst von Konservativen als „erzreaktionär“ und „ultra-konservativ“, als „Betonkopf“ oder als „harter Hund“ beschrieben und offen gesagt schreckten mich diese und ähnliche Einschätzungen nun auch nicht ab, da ich im Laufe meines Lebens doch schon einigen Hardlinern der einen oder anderen Richtung begegnete. Mein vordergründiges Interesse galt auch eher dem Umstand, einigermaßen gute Photos zu machen und da ich in Augsburg auch schon den um sein politisches Überleben kämpfenden Kanzler Schröder, seine Herausforderin Merkel, Stoiber, Joschka Fischer, Bundespräsident Köhler, die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, Friedensnobelpreisträger Gorbatschow und andere mehr oder minder Prominente vor meine Linse bekam, ging ich davon aus, dass mir als Photographen auch das Lächeln des Bischofs nicht verwehrt bleiben würde. 

Vom JU-Vorsitzenden Volker Ulrich und dem Chef der Augsburger CSU Bernd Kränzle am Abend des 6. März 2006 nun als bereits 60. Nachfolger des legendären katholischen Stadtheiligen Augsburgs St. Ulrich als „Bischof des Dialogs und der Begegnung“ angekündigt ergriff Mixa das Wort zu einer kurzen einführenden Rede, die er selbst als „Standortbestimmung in der Wertedebatte“ verstanden wissen wollte. Die Themen, die ihm dabei zuvorderst am Herzen lagen, waren eine mögliche „Relativierung des Familien- und Ehebegriffs innerhalb der CSU“. Dazu müsse man zunächst berücksichtigen, dass in Augsburg 61 % aller Haushalte solche von Singles und weitere 20 % Zwei-Personen-Haushalte seien. Lediglich die verbleibenden 19 % umfassen drei Personen und mehr, wobei dies nicht automatisch auf eine Familie im „klassischen SInn“ schließen lassen müsse. Dies sei Ausdruck eines immer weiter zunehmenden Individualismus oder auch „Libertinismus“ an dessen Ende eine zunehmende Anzahl alter Menschen stehe, „zu denen auch ich gehöre“. Gerade alte Menschen aber vereinsamten „in unserer bundesdeutschen Heimat“ zunehmend und bleiben im Alter und Krankheit oft ohne jeglichen familiären und sozialen Rückhalt. Auch vor diesem Hintergrund, so Mixa, verstehe er nicht warum Ministerpräsident Stoiber durchblicken ließe, die traditionellen Standpunkte zu Ehe und Familie relativieren zu wollen. Auch das Schielen auf weitere Wählerschichten in den bayerischen Großstädten ließ der Bischof dabei nicht gelten, denn schließlich waren doch die „doofen Katholiken Ursache für 11 aufeinander folgende absolute Mehrheiten der CSU in Bayern“. 

Ein weiterer damit durchaus auch verbundener „Streitpunkt“ der Kirche war für Mixa die Schwangerenkonfliktberatung, für deren Arbeit die Katholische Kirche seitens des Freistaates keine Zuschüsse mehr bekäme, seitdem die Katholische Kirche ihre Position diesbezüglich verändert hatte, wohingegen in Baden-Württemberg noch eine Bezuschussung von 50 % bestehe. In Bayern jedoch würden nunmehr nur noch „Pro-Familia“ und „Donum Vitae“ seitens der Landesregierung finanziell unterstützt. Diese einleitenden Worte beendete der Bischof mit der wenig klerikalen Formel „Hugggh, ich habe gesprochen“ und stellte sich sogleich den Fragen der rund 30 JU-Vertretern aus Augsburg und Umgebung, die sich im Vortragssaal der St. Ulrich-Gemeinde eingefunden hatten. 

Trotz seiner markanten Ausführungen bezogen sich die ersten Fragen nun aber auf ein ganz anderes Themenfeld, nämlich auf seine Haltung zur Veränderten Arbeitswelt, wobei Stichworte wie Hartz IV und Massenarbeitslosigkeit fielen. Ginge die gegenwärtige Entwicklung in der eingeschlagenen Richtung weiter, so warnte Mixa, so steuerte man unweigerlich „nordamerikanischen, ausbeuterischen Verhältnissen entgegen, wo es an der Tagesordnung sei, dass Arbeitnehmer zwei, manchmal auch drei Jobs benötigten, um „wenigstens einigermaßen über die Runden zu kommen“. Ursache für die wirtschaftlichen Probleme und für die „sozialen Verwerfungen in ihrer Folge“ sei eine zu starke, „ja ausufernde Globalisierung“, eine Entwicklung hin zu einem „geradezu kriminellen Kapitalismus“, dieser sei inzwischen „völlig ungezähmt“ und habe lediglich die „Vorherrschaft des Kapitals über den subjektiven Charakter der menschlichen Arbeit“ im Blick. Dies jedoch führe systematisch zu „Ausgrenzung und Ausbeutung in den Entwicklungsländern und zu wachsender menschlicher Entfremdung in den Industrieländern“. Zwar breiteten sich im Rahmen der weltpolitischen Konstellationen „formal demokratische Systeme“ aus, jedoch „entarteten“ diese „unter dem herrschenden Einfluss finanzstarker Gruppen“ und dem „bloß auf den nächsten Wahltermin schielender Politiker“. Als Gegenentwurf zum „entmenschlichenden neoliberalen Kapitalismus in Reinkultur“ präsentierte der Bischof die Katholische Soziallehre, die es für die moderne Gesellschaft neu herauszustellen gelte.  

Als positives Beispiel führte er die Firma Audi an, die in den 90er Jahren „statt auf Entlassungen auf Arbeitsteilung“ (Kurzarbeit) gesetzt habe und sich so, als sich die Auftragslage wieder besserte, erfahrene und qualifizierte Mitarbeiter bewahrt hatte. Grundsätze zu einer solchen „Mentalität des Teilens“ fänden sich nun aber auch bereits in der Enzyklika „Laborem Excenses“ Papst Johannes Paul II aus dem Jahr 1981, die seinerzeit auch der Unterstützung der unabhängigen polnischen Gewerkschaft Solidarnosc galt und in welcher der Papst die Arbeit als eines der Kennzeichen des Menschen, die ihn von anderen Geschöpfen unterscheidet, postulierte. Die Katholische Soziallehre fuße deshalb nun auf den Prinzipien der Gleichwertigkeit, Solidarität und der Subsidiarität, der Hilfe zur Selbsthilfe. Als rühmliches Beispiel hierfür erinnerte Mixa an das Vorbild der Augsburger Fuggerei, jener ersten, 1516 von Jakob Fugger dem Reichen begründeten „ältesten Sozialsiedlung der Welt“ die in frühkapitalistischen Zeiten in der damals reichsten Stadt Europas entstand, als trotz allen Reichtums der Finanzfürsten 80 % der Einwohner der Stadt in oft bitterer Armut leben mussten. Die heute noch bestehende Einrichtung der Fuggerei mit einer jährlichen Jahresmiete von einem Rheinischen Gulden, der heutigen Werts etwa einem Euro entspricht, sei „ein leuchtendes Beispiel sozialer Wärme und gelebter christlicher Nächstenliebe“ geblieben, fänden dort doch noch immer unverschuldet in Not geratene Katholiken Aufnahme und eine Grundlage für ein einfaches Leben. Vom Augsburger Beispiel der Fuggerei könnte so auch so mancher Großkapitalist der Gegenwart Entscheidendes lernen. 

Insgesamt müsse in der Gesellschaft aber die Rückkehr zur Bescheidenheit gepredigt werden. Das finge bei einem Verdienstlimit für führende Köpfe in Politik und Wirtschaft oder aber auch bei den „völlig unbegreiflichen“ Gehältern mancher Spitzensportler an und ginge so aber durch die ganze Gesellschaft, wo viele zu einer gewissen „Hamstermentalität“ neigten. Diese gelte es aber zu überwinden. Er selbst sei als Militärbischof der Deutschen Bundeswehr lediglich für eine monatliche Aufwandsentschädigung von damals nur rund 300.- DM tätig gewesen, freilich habe er aber auch nie persönlichen Luxus für sich angestrebt. Gegebenfalls müsse nun auch darüber nachgedacht werden, Sozialleistungen für nicht wirklich Notleidende zu beschränken, um zusätzliche Anreize für eine Arbeitsaufnahme zu schaffen. Die vorhandene Arbeit müsse notfalls durch Kurzarbeit geteilt werden, aber auch im Dienstleistungsbereich, wo „komischerweise fast nur noch Ausländer“ tätig“ seien, könnten neue Arbeitsplätze entstehen. Von Arbeitslosigkeit direkt Betroffenen riet der Bischof sich beizeiten Rücklagen zu schaffen und auch eine gewisse „Faulpelz-Krankheit“ zu überwinden, die für viele in unserer Zeit kennzeichnend sei. Viele Arbeitslose dächten nun aber auch, sich für die eine oder andere Arbeit zu gut zu sein, was den Wert der Arbeit als solcher freilich gering schätze und auch ein Teil der kommerzialisierten Konsummentalität sei. 

Angesprochen auf seine Tätigkeit als Militärgeistlicher meinte Mixa, dass heutzutage eine Wehrgerechtigkeit nicht mehr gewährleistet sei, da längst nicht mehr alle Wehrpflichtigen eines Jahrgangs eingezogen würden oder auch nur könnten. Wehrpflichtige seien deshalb ja doch eigentlich die „Depperl der Nation“, da sie gegenüber all jenen, die aus welchen Gründen auch immer am Wehrdienst vorbei kämen, persönliche Nachteile in Beruf und Familienplanung auf sich nehmen würden. Die Wehrpflicht sollte deshalb durch einen allgemeinen Sozialdienst ersetzt werden, zu dem freilich dann auch junge Frauen herangezogen werden sollten. 

Damit war der thematische Bogen wieder zurück zu den familiären Fragen der bischöflichen Eingangsrede gespannt und einmal mehr betonte Mixa dabei, die Wichtigkeit für die gesamte Gesellschaft an den traditionellen Werten der Ehe und Familie festzuhalten. So hielte er nun auch nichts von neuen Sprachregelungen in den Medien und seitens der Politik, wo von sog. „patchwork“-Familien die Rede sei oder davon, dass „Familie da ist, wo Kinder sind“, denn solche Begrifflichkeiten wollten doch nur das Leitbild der Familie aufweichen, zu dem es ein klares und eindeutige Bekenntnis bedürfe. Dies warf unter den weiblichen JU-Mitgliedern dann doch noch die eine oder andere Frage nach der Gleichberechtigung der Frau auf, die insbesondere doch gerade auch in der Katholischen Kirche ein sehr umstrittenes „heißes Eisen“ darstelle. Selbstverständlich seien Frauen ein fester Bestandteil der Katholischen Kirche, betonte der darauf angesprochene Bischof, verwehrt blieben ihnen – „wie auch den meisten Männern“ – lediglich das Spenden von Weihesakramenten. Kirchliches Handeln sei nun einmal an konkrete Vorgaben gebunden, die nicht zur Disposition stehen. Dazu gehöre eben auch, dass Frauen nicht das Weihesakrament empfangen können, wie es Papst Johannes Paul II. 1994 definitiv erklärt habe. Dies bedeute keineswegs eine Zurücksetzung der Frau in ihrem Wesen, sondern folge den Lehren der vom Heiligen Geist inspirierten Kirche. Die Frau hingegen sei im Gegensatz zum Mann dazu berufen, “Trägerin des Lebens” zu sein, da sie dazu über eine “naturhafte Begabung und Begnadigung verfüge, auf die viele Männer – so auch er selbst, manches mal neidisch sei, wie der Bischof einräumte. Zwar könne ein Mann niemals so hassen wie eine Frau, aber auch nicht annähernd so Opfer bereit sein wie eine Frau. Man solle doch nur mal daran bedenken, welche Schmerzen eine gebärende Frau ertrage und sich dabei vergegenwärtigen, wie schnell so mancher Mann doch schon bei einem noch so kleinen Wehwehchen jammere. Damit war das offenbar kontroverse Thema einigermaßen elegant umschifft und die Aufmerksamkeit der einiger Fragenden galt nun auch sogleich der „islamischen Gesellschaft“, in der Frauen „noch weit weniger Rechte“ genössen als in der abendländischen.  

Der Bischof griff die Gelegenheit zum Themenwechsel dankbar auf und erklärte zum Islam, dass dieser eine rein „triebgesteuerte Patricharchenreligion“ sei, deren Erfolg in der Geschichte „längst nicht nur auf dem Schwert“ beruhe, sondern eben darauf, dass viele vom Islam eroberte Völker über sehr ausgeprägte patriarchalische Strukturen verfügten, die es dem Islam leichter als dem Christentum machten, dort dauerhaft Fuß zu fassen. An den aktuellen Konflikten mit der islamischen Welt ließe sich gerade aus katholischer Sicht der rechte Weg ausmachen, führte der Bischof nun weiter aus und erinnerte dabei „die klare und konsequent richtige Ablehnung des Irak-Krieges“ durch Papst Johannes Paul II. die weltweit und gerade auch in der islamischen Welt auf große Anerkennung gestoßen sei. Nichts sei durch den Irak-Krieg besser geworden, aber „fast alles schlimmer“ und die Position der Katholischen Kirche zu den „aggressiven Kriegen der irregeleiteten Bush-Regierung“ habe sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit als die richtige erwiesen.  

Umso mehr sei es verwunderlich, dass die Katholische Kirche als „ältester Global Player“ in der Welt oft sehr zurückhaltend auftrete, wo es doch überhaupt keinen Anlass gebe, sich in Fragen der Menschenrechte gegenüber anderen Religionen der Welt zu bemänteln. Entsprechend forderte er bei seinen meist jungen Zuhörern einen „Schluss mit katholischer Feigheit“, vielmehr solle man als bekennender Katholik offen und mutig für die Lehren und Werte der Kirche auf- und eintreten. Darauf wurde seitens der Zuhörer eingewendet, dass dies ja angesichts katholischer Dogmen wie Heiligen- und Reliquienverehrung oder Marienerscheinungen, nicht gerade einfach sei. Hier verblüffte der Bischof einen Großteil der Anwesenden mit der Feststellung, dass die Verehrung von Heiligen oder Reliquien oder der Glaube an Marienerscheinungen überhaupt keine Dogmen der Katholischen Kirche seien, sondern auf freiwilliger Basis geschehen. Kein Katholik sei dazu verpflichtet Heilige oder Reliquien zu verehren oder zu Orten von Marienerscheinungen zu pilgern. 

Mit dieser offensichtlich viele überraschenden Erkenntnis ging der Abend in St. Ulrich zu Ende und zum Abschluss gab es nach vielen wechselseitigen Dankesbekundungen und Absichtserklärungen dann noch ausreichende Gelegenheit für eine Anzahl von Schnappschüssen und persönliche Unterhaltungen mit dem Bischof. 

Von den mir mit auf den Weg gegeben Vor-Urteilen blieben für meine jüdisch-amerikanischen Ohren kaum etwas übrig. War der nette alte Mann, dem ich fast zwei Stunden lang bei seinen Ausführungen zuhörte wirklich das was ich mir unter „erzreaktionär“ oder „ultra-konservativ“, unter einem „Betonkopf“ vorstellen würde. Dass er als Bischof sehr häufig auf seinen Arbeitgeber zu sprechen kam, konnte mich nicht verwundern und dies war nun selbstverständlich auch nicht zu beanstanden. 

Bei zahlreichen seiner Standpunkte und Ausführungen hatte ich aber den Eindruck, dass seine Worte zweifellos von einem linken US-amerikanischen Gewerkschaftsführer stammen könnten. Auch kamen mir auf dem Weg nach Hause immer wieder US-Demokraten wie Richard Gephardt und Barack Obama in den Sinn oder aber Tom Daschle, die zwar keine Bischöfe, aber immerhin noch Katholiken oder „gute Christen“ sind und 2009 vielleicht auch US-President. Nein, in den USA wäre Walter Mixa als Politiker alles andere als ein Ultrakonservativer. Abgesehen von seiner festen Berufung auf traditionelle Werte von Ehe und Familie würde man ihn ob seiner recht harschen Kritik an Kapitalismus, Medien, Werteverfall und Irak-Krieg zweifellos als „Liberal“, sprich als „Linken“ einstufen müssen, wegen seiner Ablehnung von Abtreibung und Homo-Ehe wahrscheinlich aus den südlichen Staaten des traditionellen bible-belts stammend.  

( ©  Yehu Schenef, April 2006)

Published in: on Juli 16, 2006 at 4:03 pm  Kommentar verfassen  

Augusta celebra il nuovo campione del mondo!

Augsburg feiert den neuen Fußballweltmeister!

Tausende enthusiastische Tifosi feierten in der letzten Nacht auf Augsburgs historischer Prachtmeile der Maximilanstraße ausgelassen den vierten Titelgewinn nach 1934, 1938 und 1982. Auch zahlreiche Nichtitaliener ließen sich von der buchstäblich  überschäumenden Stimmung am Herkulesbrunnen anstecken.

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Published in: on Juli 10, 2006 at 3:05 pm  Kommentar verfassen  

Am Fuße des Berges

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Wir sitzen und trinken

An einem kleinen Tisch

Hier draußen vor dem Mexikanischem Restaurant

Wir sitzen und trinken

In der Augsburger Altstadt

Im Süden Deutschlands

Wir sitzen und trinken

Am Fuße des Judenberges 

Die junge Kellnerin

Versteht kein Spanisch

Sie ist keine Mexikanerin

Sondern eine blondierte Deutsche

Auch der Kaffee in unseren Tassen

Schmeckt nicht nach Kaffee

Eher ein wenig nach Essig

Vielleicht ist das die Schwarze Milch

Von der Celan einst sprach

Wir sitzen hier und trinken 

Im Haus uns gegenüber

Sind große Schaufenster

Sie zeigen italienische Mode

Für andere, für neue Herren

Es gibt einige Sonderangebote

Hier am Fuße des Judenbergs

Der Imbiss weiter oben am Berg

Bietet „Schwarma“ für drei Euro

Nun nach türkischen Rezept

Und unter dem Namen „Döner“ 

Wir sitzen und trinken

Und wir wundern uns

Wo die anderen Juden sind?

Vielleicht im Innern des Berges

Verborgen und vergraben

In der Vergangenheit

Sitzen sie und trinken

Und sie unterhalten sich

Über das Tagesgeschehen

Und sie lachen und tanzen

Mit echten Mexikanern

Im Innern des Berges

Und sie trinken echten Kaffee

Der nach Kaffee schmeckt

 

  

(© Yehuda, nach dem hebräischen Original – bemargalot hahar – , Sommer 2002)

Published in: on Juli 2, 2006 at 9:03 am  Kommentar verfassen  

Augsburg

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© Yehuda

Published in: on Juni 30, 2006 at 10:46 am  Kommentar verfassen  

Das rätselhafte Gräberfeld an der Grottenau

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Archäologische Grabungen am Augsburger Ernst-Reuter-Platz, wo ab Herbst dieses Jahres der Spatenstich für die neue Augsburger Stadtbücherei geplant ist, legten kürzlich ein altes Gräberfeld frei. Die nach Osten ausgerichteten Gebeine ohne jegliche Grabbeigaben werfen Fragen auf, um welche Gräber es sich handelt und wann sie angelegt wurden. 

Spekuliert wird, ob die sechs bislang gefundenen Gräber (zunächst waren drei entdeckt worden), die anstelle eines hier vermuteten antiken römischen Kastells unter der Aufsicht des Grabungsleiters Stephan Kaltwasser vom Freien Institut für angewandte Kulturwissenschaft (FIAK) zu Tage traten, aus römischer, spätrömischer oder gar mittelalterlicher Zeit stammen. Der Augsburger Stadtarchäologe Dr. Sebastian Gairhos mutmaßt gemäß einem Artikel der Augsburger Allgemeinen, die Funde könnten aus dem 4. oder 5. Jahrhundert stammen, stellt aber auch fest, dass sich am heutigen Ernst-Reuter-Platz „im Mittelalter“ Gärten der nahe liegenden Patrizierhäuser befanden. Da freilich nicht davon ausgegangen werden kann, dass deren Bewohner ihre Toten im Garten begruben, deute vieles aber auf Römer hin. Das Fehlen von Grabbeigaben erklärt sich Gaierhos damit, dass hier vielleicht Christen oder sehr arme Leute begraben wurden. Unter zeitlichem Druck, so heißt, stünden die Archäologen nicht, da bis zum Baubeginn der geplanten Stadtbücherei zwischen Grottenau und Stadtmarkt der „archäologische Krimi“ in Ruhe untersucht werden könne. 

Man fragt sich freilich, was es nun eigentlich sein mag, was auf Römer deuten soll, da bekanntlich Römer ihre Toten nicht in der Erde bestatteten, sondern verbrannten. Auch ist unklar, warum Gräber ohne christliche Grabbeigaben ein Beleg für christliche Gräber sein müssen, wo sonst solche eben gerade erst durch ihre Grabbeigaben als solche identifiziert werden können. Auch die Ausrichtung der Gräber nach Osten, die für christliche Gräber bis heute nicht signifikant ist, deutet möglicherweise in eine ganz andere Richtung.  

Von den Grabfunden zur heutigen Karlstrasse, der alten Judengasse an der Ecke Kesselmarkt sind es entlang der Ludwigstraße und der Kleinen Grottenau gerade einmal 170 m. Sollte die heutige Ludwigstrasse, die nur durch ihre heutige Namensgebung von der Karlstraße, aber in keiner Weise räumlich von ihr getrennt ist, sondern diese fortsetzt, auch in früherer Zeit zu hochmittelalterlichen Judengasse gehört haben, was keineswegs  verneint werden kann, wären es jedoch nur bloße 60 m. Denkt man sich zudem noch die heutigen Bauten an der Südseite der Ludwigstraße weg, die es nötig machen, über die Kleine Grottenau zum Grabplatz zu gelangen, wäre die Strecke nochmals ganz bedeutend kürzer und betrüge nur mehr wenige Meter. Wäre hier tatsächlich ein jüdischer Friedhof gewesen, wäre er in direkter Nachbarschaft zu Judengasse gewesen und hätte unmittelbar an sie angegrenzt.  

Gab es hier also einen alten jüdischen Friedhof in der Augsburger Innenstadt? Das wesentlichste Argument dagegen dürfte sein, dass sich unweit des Judenviertels im Nordwesten der Altstadt doch ein historisch belegter Friedhof befand, der in alten Dokumenten und Karten als „Judenkirchhof“ bezeichnet ist. In einer erhaltenen Urkunde aus dem Jahre 1298 verpflichteten sich die Augsburger Juden gegenüber den oberen der Reichsstadt sogar dazu auf eigene Kosten und unter dem Pfand all ihres Vermögens, eine Mauer zu errichten, um die Stadt und den Friedhof zu sichern. Noch bis ins 19. Jahrhundert hieß die Ummauerung in Augsburger Stadtkarten demgemäß auch Judenwall und die dort später errichtete militärische Befestigung Judenbastei. All dies ist bekannt und ausreichend dokumentiert. Jedoch geht aus keinem Dokument auch hervor, dass der durch die Mauer im Jahre 1298 gesicherte Friedhof bereits belegt war. So gibt es auch keinen Beweis dafür, dass mit der Mauer auch der Friedhof selbst erst angelegt wurde. Verbürgt aber ist, dass es zumindest seit 1210 eine jüdische Gemeinde in der Stadt gab, mit Synagoge, Tanzhaus und eigenem Ritualbad. Gleichfalls sicher ist, dass Augsburg im 13. Jahrhundert sich territorial ausdehnte, auch gerade nördlich der alten Bischofsstadt. Es ist demnach durchaus plausibel anzunehmen, dass der Judenkirchhof Teil dieser Erweiterungen war, die sich östlich davon bis zum Fischertor an der heutigen Frauentorstraße erstreckten, die zunächst Windgasse hieß. Wenn nun aber der jüdische Friedhof am Judenwall erst in dieser Zeit entstanden ist, dürften sich dort keine Gräber aus dem 13. Jahrhundert dort befinden. Solche sind in der tat auch nicht nachweisbar. Dann freilich stellt sich die Frage, wo die seit mindestens neun Jahrzehnten existierende jüdische Gemeinschaft zuvor ihre Toten bestattet haben könnte. Dass dies ganz in der Nähe der Judensiedlung an der historischen Judengasse geschehen sein soll, ist alles andere als abwegig. Die spätere, im oben zitierten Zeitungsartikel erwähnte Nutzung des Geländes als Gärten von Patrizierhäusern ist ohnehin erst für das frühe 16. Jahrhundert belegt, als es längst keine jüdische Gemeinde mehr in der Stadt gab. Diese verließ Augsburg in den Jahren 1438 bis 1440. Jahre danach beschlagnahmte die Reichsstadt die Grabsteine des Judenkirchhofs und verbaute sie im ersten steinernen Rathaus der Stadt und an anderen Stellen.  

(yehu, 25.06.2006) 

Quellen:

Augsburger Allgemeine,  13.04.2006, 

Augsburger Extra – Wochenzeitung für Augsburg, 19.04.2006 

 

Published in: on Juni 27, 2006 at 9:41 am  Kommentar verfassen